FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
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FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
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FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
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FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
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FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
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FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43
FILMUNDBILD Zeitschrift derReichsanstaltfürFilm und Bild in Wissenschaft und Unterricht HERAUSGEBER: SCHRIFTWALTE i DR. DR. K. GAUGER $ \\// R:DR.W.MOHAUPT \ Yj ^^rruHO^ BERLIN W 62, KLEISTSTRASSE 10-12 POSTSCHLIESSFACH W ? RUF 250019 8. Jahrgang Heft 4/5 1. Mai 1942 Die „Reichsanstalt für Film und Bild" ist unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahre 1934 für die Her- stellung von Märchenfilmen eingetreten, obwohl manche Praktiker und Theoretiker der Pädagogik aus grundsätzlichen Erwägungen heraus sich entweder gegen ein solches Vorhaben aussprachen oder die Auf- nahme eines Probefilms in der sicheren Voraussiebt billigten, es würde ein Mißerfolg werden. Aber gleich der erste Märchenfilm (»Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen") mit Puppen als „Darstellern" — und stumm wie alle Unterrichtsfilme — gefiel. Er wurde im Unterricht gern eingesetzt. Auch der zweite („Tischlein, deck dich!") wurde von den meisten Lehrern und Lehrerinnen sehr günstig beurteilt. Der be- gangene Weg war also richtig. Mit Bedacht wählte die RWU nun in den folgenden Jahren weitere Märchen aus, die sich als Stoff für Puppentrickfilme eigneten. Nicht jedes Märchen ist für eine Verfilmung geeignet. Es erschienen in schneller Folge: «Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel", „Die Stadtmaus und die Feldmaus" und „Der Wolf und die sieben Geißlein". Die Veröffentlichung des Films „Der gestiefelte Kater" steht bevor. Unsere Märchenfilme werden heute in allen deutschen Schulen eingesetzt. Die Zahl der ausgelieferten Kopien hat eine Höhe von vielen Tausend erreicht und steigt ständig weiter. Der gelegentliche Wider- spruch der ersten Jahre hat sich in einen regen Zuspruch verwandelt. Und seitdem die Märchenfilme auch bei den Truppen in der Freizeitbetreuung der Soldaten eingesetzt werden, wo sie überraschenderweise zu den beliebtesten Filmen gehören, sind sie weit über die Grenzen der deutschen Schule hinaus bekannt geworden. Mit diesem Erfolg gibt sich die RWU jedoch nicht zufrieden. In dem engeren und weiteren Mitarbeiter- kreise werden die großen und kleinen Spezialprobleme, die mit dem Märchenfilm entstehen, behandelt. Es geht dabei um Wesen und Sinn des Märchens und seiner Gestaltung in Film und Lichtbild, um die psycho- logischen Wirkungen der bildlichen Märchendarstellungen, den pädagogischen Einsatz im Unterricht und alle Auswertungsmöglichkeiten usw. Alle diese Fragen sind im Grunde noch nicht geklärt. In Arbeits- gemeinschaften und Gesprächen mit Filmherstellern und interessierten Pädagogen wurde oft an die Klärung herangegangen. Es ist daher wünschenswert, daß sich ein größerer Kreis damit beschäftigt und Wege und Anregungen zu neuen Lösungen findet. Die Zeitschrift „Film und Bild" hat deshalb vor einiger Zeit Pädagogen, Filmhersteller, Schauspieler, Märchenforscher, Psychologen, Sprecher, Bühnenbildner und Schriftleiter gebeten, zu dem Märchenfilmproblem aus ihrer Sicht heraus Stellung zu nehmen. Infolge der Zeitverhältnisse konnte nur ein Teil der Aufgeforderten unserer Anregung nachkommen. Die ein- gesandten Aufsätze sind hier zu einer Märchenfilm-Nnmmer vereinigt. Mathias Wieman Gedanken zu einer Anfrage, ob man Märchen-Filme machen soll oder nicht Soll man Märchen überhaupt verfilmen? Wenn die Möglichkeit zu Versuchen besteht, so soll man meiner Meinung nach im Zweifelsfalle grundsätzlich alle Geschichten aufnehmen, die im bewegten Bilde festzu- halten sind und nachher feststellen, ob auf diesen Bildern der alten Geschichten nicht eine neue Wirklichkeit und Wirksamkeit sichtbar geworden ist. Wird ein sichtbares Märchen nicht die Kinder-Phantasie einengen? Meiner Meinung nach stehen wir mit dieser Frage vor einem Kardinal-Problem der ganzen Filmkunst. Jeder Mensch, das Kind wie der Erwachsene, wird unlustig, wenn ihm etwas dargeboten wird, zu dem er gar nichts mehr zu tun braucht. Auch in dem Film für die erwachsene Welt ist es höchst wichtig, die Grenze einzuhalten, von der ab der Zuschauer das Bild fertig malen muß. Im stummen Film lag diese Grenze in der Natur der Sache: die hörbare Hälfte mußte von der Phantasie ergänzt werden. Der Tonfilm ist freier und kann wählen, was er zeigt und was er unsichtbar läßt, was er ausspricht und was er ver- schweigt. Märchen sprechen direkt die Phantasie wie die uralte un- bewußte Fühlung mit den Gesetzen der Lebensmächte an. Es gibt bei Kindern wie bei Erwachsenen Persönlichkeiten, in denen diese Kräfte leicht anzusprechen, gar nicht anzu- sprechen sind oder eines stärkeren oder schwächeren An- rufs bedürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß ein sicht- bares Märchen, welches in seiner Gestaltung dem Zu- schauer noch Spielraum zum Weiterbauen übrig läßt, einen guten und starken Anruf darstellt, auf den die Phantasie oder die Fühlung mit den Tiefen antworten mag. Möglicherweise verschiebt sich dann die Tätigkeit der fertig bauenden Phantasie in eine andere Materie. Sie baut nicht mehr in Bildern, sondern nunmehr vielleicht in Gedanken, in assoziierenden Harmonien. 43